Brad Pitt tut es. Auch
Nadja Auermann und Joschka
Fischer. Und sogar Pythagoras hat es, meistens jedenfalls, getan – nämlich
auf Fleisch verzichtet. Was zur Zeit des bedeutenden griechischen
Philosophen eher die Ausnahme gewesen sein dürfte, ist seit dem Ende des
20. Jahrhunderts in einigen Industrieländern zum unaufhaltsamen Trend
geworden; vegetarisch ist „in“.
Dabei hat noch vor weniger als 100 Jahren alles ganz
anders ausgesehen: Nachdem
Milch und Fleischprodukte jahrhundertelang
Luxus und in großen Mengen nur den Reichen vor behalten gewesen waren,
setzte der Motor der Industrialisierung ab 1850 im späteren Deutschland
tiefgreifende Veränderungen in sämtlichen Lebensbereichen – auch bei
den Ernährungsgewohnheiten – in Gang. Neue und günstige industrielle
Herstellungs- und
Konservierungsmethoden erlaubten es bald auch
Arbeiterfamilien, anstatt der bislang meist üblichen Getreide- und
Kartoffelmahlzeiten, mehrmals pro Woche Fleisch auf den Tisch zu bringen.
Dosenwürstchen und Fleischbrühwürfel gehörten um 1900 zu den ersten
erfolg- reichen und preisgünstigen Fertigprodukten. Der Fleischkonsum wurde
zum Zeichen für Wohlstand und hohen Lebensstandard, was er für viele bis
zum heutigen Tag geblieben ist. Die Ernährungsweise der Menschen veränderte
sich also von einer ballaststoff- und kohlehydratreichen hin zu einer
fett- und eiweißlastigen. Vom jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 20 kg um
1850 stieg der Fleischverbrauch der Deutschen bis zu den 1980er Jahren
rasant an und sank danach wieder leicht ab. (Die offiziellen Zahlen sind
allerdings sehr widersprüchlich: Während der Vegetarier-Bund
Deutschlands für das Jahr 1988 einmal von knapp 70 und ein anderes Mal
von über 100 kg spricht und seither einen starken Rückgang beim
Fleischverzehr verzeichnet, lag laut ZMP der durchschnittliche
Fleischverbrauch der Deutschen in den letzten sieben Jahren relativ
konstant bei 80–90 kg, Tendenz seit 2001 sogar wieder leicht steigend.).
nach
oben
Schon früh bemerkte man jedoch auch, dass u. a. der
übermäßige Verzehr von tierischen Fetten und tierischem Eiweiß zu
gesundheitlichen Problemen führen kann. Im Zuge der sog. Ernährungsreform
erkannten Wissenschaftler wie der Arzt Bircher-Benner bereits zu Beginn
des 20. Jahrhunderts die gesundheitsfördernde Wirkung natürlicher,
vollwertiger und fleischarmer Ernährung.
Anfang der 1980er Jahre ergaben drei große
Vegetarismus-Studien in Deutschland (Universität Gießen,
Krebsforschungszentrum Heidelberg und Bundesgesundheitsamt Berlin) unabhängig
voneinander, dass der allgemeine Gesundheitszustand vegetarisch lebender
Menschen überdurchschnittlich gut war. Sowohl das Risiko von Herz- und
Kreislauferkrankungen als auch von Krebs und allgemeinen Krankheiten war
erheblich niedriger als bei Fleischessern.
Spätestens seit dem BSE-Skandal Ende 2000 wählen
viele Menschen, vor allem junge Leute und Frauen, den vegetarischen
Lebensstil als gesunde und weitgehend „angstfreie“ Alternative zum
Fleischessen. Das vorrangige Motiv ist inzwischen oft nicht mehr die
Gesundheit allein: Manche bauen in erster Linie aus Kaloriengründen auf
den Vegetarismus, andere kämpfen auf diese Weise für die Abschaffung von
Tiertransporten und quälerischer Schlachtung. Wieder anderen sind
Fleischwaren mittlerweile schlichtweg zu teuer.
nach
oben
Hirsebrei und Graupensuppe sind längst keine
Abschreckung mehr. Zu groß ist die Auswahl an bunten Nudelgerichten, würzigen
Omeletts und deftigen Gratins geworden. Der vegetarische Büchermarkt
quillt geradezu über und immer mehr Restaurants tragen dem gesunden Trend
mit Menüs Rechnung, die selbst „eingefleischten“ Gourmets das Wasser
im Mund zusammenlaufen lassen.
Grundsätzlich gilt: Jeder soll ein Leben nach
seinem „Geschmack“ führen dürfen. Aber weniger Fleisch ist
erwiesenermaßen gesünder als viel. Und wäre es nicht eine schöne
Vorstellung, auch einmal essen zu können, ohne dass ein Tier dafür sein
Leben lassen musste?
Judith Knöbel-Methner
|