"Um eines kleinen
Bissens Fleisches willen berauben wir eine Seele des Lichtes und der Spanne von Zeit, in
die sie hineingeboren wurde, sich daran zu erfreuen."
- Plutarch -
Erlebt
und geschrieben von Christiane M. Haupt
"Es werden nur Tiere angenommen, die tierschutzgerecht transportiert
werden und ordnungsgemäss gekennzeichnet sind", steht auf dem Schild
über der Betonrampe. Am Ende der Rampe liegt, steif und bleich, ein totes
Schwein. "Ja, manche sterben schon während des Transportes.
Kreislaufkollaps."
Was für ein Glück, dass ich die alte Jacke
mitgenommen habe. Obwohl erst Anfang Oktober, ist es schneidend kalt, aber
ich friere nicht nur deswegen. Ich vergrabe die Hände in den Taschen,
zwinge mich zu einem freundlichen Gesicht und dazu, dem Direktor des
Schlachthofes zuzuhören, der mir eben erklärt, dass man längst keine
Lebenduntersuchung mehr vornimmt, nur eine Lebendbeschau. 700
Schweine pro Tag, wie sollte das auch gehen.
"Es sind eh keine kranken Tiere dabei. Die würden wir sofort zurückschicken,
und das kostet den Anlieferer eine empfindliche Strafe. Das macht der
einmal und dann nicht wieder." Ich nicke pflichtschuldig - durch, nur
durchhalten, du musst diese sechs Wochen hinter dich bringen - , was
passiert mit kranken Schweinen?
"Da gibt es einen ganz speziellen Schlachthof." Ich erfahre
einiges über die Transportverordnungen, und wie viel genauer man es
heutzutage mit dem Tierschutz nimmt. Das Wort, an diesem Ort gesprochen,
klingt makaber. Inzwischen hat sich der vielstimmig grunzende und
quiekende Doppeldecktransporter unter uns bis an die Rampe heran
rangiert. Einzelheiten sind in der morgendlichen Dunkelheit kaum
auszumachen; die Szenerie hat etwas Unwirkliches und gemahnt an jene
gespenstischen Wochenschauen aus dem Krieg, an graue Waggonreihen voller
ängstlicher bleicher Gesichter an Laderampen, über die geduckte
Menschenmengen von gewehrtragenden Männern getrieben werden. Plötzlich
bin ich mittendrin. So etwas träumt man in bösen
Träumen, aus denen man schweißgebadet aufschreckt: Inmitten
wabernden Nebels, in Eiseskälte und schmutzigem Zwielicht dieses
unnennbar böse Bauwerk, dieser flache, anonyme Klotz aus Beton und Stahl
und weißen Kacheln, ganz hinten am frosterstarrten Waldesrand; hier
geschieht das Unaussprechliche, wovon niemand wissen will.
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Die Schreie sind das erste, was ich höre
an jenem Morgen, als ich eintreffe, um ein Pflichtpraktikum anzutreten,
dessen Verweigerung für mich fünf verlorene Studienjahre und das
Scheitern aller Zukunftspläne bedeutet hätte. Aber alles in mir – jede
Faser, jeder Gedanke – ist Verweigerung, ist Abscheu und Entsetzen und
das Bewusstsein nicht steigerbarer Ohnmacht: Zusehen müssen, nichts tun können,
und sie werden dich zwingen mitzumachen, dich ebenfalls mit Blut zu
besudeln. Schon aus der Ferne, als ich
aus dem Bus steige, treffen die Schreie der
Schweine mich wie ein Messerstich. Sechs Wochen lang werden sie
mir in den Ohren gellen, Stunde für Stunde, ohne Unterlass. Durchhalten. Für
dich ist es irgendwann zu Ende. Für die Tiere nie.
Ein kahler Hof, einige Kühltransporter,
Schweinehälften am Haken in einer grell erleuchteten Türe. Alles
peinlich sauber. Das ist die Vorderfront. Ich suche nach dem Eingang, er
ist seitlich gelegen. Zwei Viehtransporter fahren an mir vorbei, gelbe
Scheinwerfer im Morgendunst. Mir weist ein fahles Licht den Weg,
erleuchtete Fenster. Ein paar Stufen, dann bin ich drinnen, und jetzt ist
alles nur weißgekachelt. Keine Menschenseele zu sehen. Ein weißer Gang,
– da, der Umkleideraum für Damen. Fast sieben Uhr, ich ziehe mich um:
weiß, weiß, weiß. Der geliehene Helm schaukelt grotesk auf den glatten
Haaren. Die Stiefel sind zu groß. Ich schlurfe wieder in den Gang, stoße
beinahe mit dem zuständigen Veterinär zusammen. Artige Begrüßung.
"Ich bin die neue Praktikantin." Bevor es losgeht, die Formalitäten.
"Ziehen Sie sich mal was Warmes an, gehen Sie zum Direktor und geben
Sie Ihr Gesundheitszeugnis ab. Dr. XX sagt Ihnen dann, wo Sie
anfangen."
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Der Direktor ist ein jovialer Herr, der
mir erst einmal von den guten alten Zeiten erzählt, als der Schlachthof
noch nicht privatisiert war. Dann hört er leider damit auf und beschließt,
mich persönlich herumzuführen. Und so komme ich also auf die Rampe.
Rechter Hand kahle Betongevierte, von eisigen Stahlstangen umgeben. Einige
sind bereits mit Schweinen gefüllt. "Wir beginnen hier um fünf Uhr
morgens." Geschubse, hier und da Krabbeleien, ein paar neugierige Rüssel
schieben sich durch die Gitter, pfiffige Augen, andere unstet und
verwirrt. Eine große Sau geht beharrlich auf eine andere los; der
Direktor angelt nach einem Stock und schlägt sie mehrfach auf den Kopf.
"Die beißen sich sonst ganz böse." Unten hat der Transporter
die Holzklappe heruntergelassen, die vordersten Schweine schrecken vor dem
wackeligen und abschüssigen Übergang zurück, doch von hinten wird gedrängelt,
da ein Treiber dazwischen geklettert ist und kräftige
Hiebe mit einem Gummischlauch austeilt. Ich werde mich später
nicht mehr wundern über die vielen roten Striemen auf den Schweinehälften.
"Der Elektrostab ist für Schweine
inzwischen verboten", doziert der Direktor. Einige Tiere wagen
strauchelnd und unsicher die ersten Schritte, dann wogt der Rest
hinterher, eins rutscht mit dem Bein zwischen Klappe und Rampe, kommt
wieder hoch, hinkt weiter. Sie finden sich zwischen Stahlverstrebungen
wieder, die sie unentrinnbar in einen noch leeren Pferch führen. Wenn es
um eine Ecke geht, verkeilen sich die vorderen Schweine, alle stecken
fest, und der Treiber flucht wütend
und drischt auf die hintersten ein,
die panisch versuchen, auf ihre Leidesgenossen zu springen. Der Direktor
schüttelt den Kopf. "Hirnlos. Einfach hirnlos. Wie oft habe ich
schon gesagt, dass es doch nichts bringt, die hintersten zu prügeln!"
Während ich noch wie erstarrt dieses Schauspiel verfolge – das ist
bestimmt alles nicht wahr – du träumst –, wendet er sich ab und begrüßt
den Fahrer eines weiteren Transportes, der neben den anderen gefahren ist
und sich jetzt zum Ausladen bereit macht. Warum es hier viel schneller,
aber auch mit noch viel mehr Geschrei vonstatten geht, sehe ich erst, als
hinter den empor stolpernden Schweinen ein zweiter Mann aus dem Laderaum
auftaucht, denn was nicht schnell genug ist, wird von ihm mit Elektroschocks
bedacht. Ich starre den Mann an, dann den Direktor, und dieser schüttelt
ein weiteres Mal den Kopf: "Also, Sie wissen doch, das ist bei
Schweinen jetzt verboten!" Der Mann blickt ungläubig, dann steckt er
das Gerät in die Tasche.
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Von hinten stupst mich etwas in die
Kniekehle, ich fahre herum und blicke in zwei wache blaue Augen. Viele
Tierfreunde kenne ich, die enthusiastisch schwärmen von den ach so
seelenvollen Katzenaugen, dem treuen Hundeblick, – wer
spricht von der Intelligenz und Neugier in den Augen eines Schweins?
Ich werde diese Augen sehr bald noch anders kennen lernen: Stumm schreiend
vor Angst, von Schmerzen stumpf, und dann blicklos, gebrochen, aus den Höhlen
gerissen, über den blutverschmierten Boden kollernd. Messerscharf streift
mich ein Gedanke, den ich in den folgenden Wochen monoton noch viele
hundert Male im Geiste wiederholen werde:
Fleischessen
ist ein Verbrechen – ein Verbrechen...
Danach ein kurzer Rundgang durch den Schlachthof, im Pausenraum beginnend.
Eine offene Fensterfront zur Schlachthalle, in unendlicher Folge schweben
am Fließband fahle, blutige Schweinehälften vorbei. Dessen ungeachtet
sitzen zwei Angestellte beim Frühstück. Wurstbrot. Die weißen Kittel
der beiden sind blutverschmiert, unter einem Gummistiefel hängt ein
Fetzen Fleisch. Hier ist der unmenschliche Lärm noch gedämpft, der mir
wenig später ohrenbetäubend entgegenschlägt, als ich in die
Schlachthalle geführt werde. Ich fahre zurück, weil eine Schweinehälfte
scharf um die Ecke saust und gegen die nächste klatscht. Sie hat mich
gestreift, warm und teigig.
Das ist nicht wahr
– das ist absurd – unmöglich.
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Alles zugleich stürzt auf mich ein. Schneidende
Schreie. Das Kreischen von Maschinen. Blechgeklapper. Der durchdringende
Gestank nach verbrannten Haaren und versengter Haut. Der Dunst von Blut
und heißem Wasser. Gelächter, unbekümmerte Rufe. Blitzende Messer,
durch Sehnen gebohrte Fleischerhaken, daran hängende halbe Tiere ohne
Augen und mit zuckenden Muskeln. Fleischbrocken und Organe, die platschend
in eine blutgefüllte Rinne fallen, so dass der eklige Sud an mir hoch
spritzt. Fettige Fleischfasern am Boden, auf denen man ausrutscht.
Menschen in Weiß, von deren Kitteln das Blut rinnt, unter den Helmen oder
Käppis Gesichter, wie man sie überall trifft: in der U-Bahn, im Kino, im
Supermarkt. Unwillkürlich erwartet man
Ungeheuer, aber es ist der nette Opa von nebenan, der flapsige junge Mann
von der Strasse, der gepflegte Herr aus der Bank. Ich werde
freundlich begrüßt. Der Direktor zeigt mir rasch noch die heute leere
Rinderschlachthalle – "Rinder sind dienstags dran!" –, übergibt
mich dann einer Dame und enteilt; er hat zu tun. "Die Tötungshalle können
Sie sich ja selbst mal in aller Ruhe ansehen." Drei Wochen werden
vergehen, ehe ich mich dazu überwinde.
Der erste Tag ist für mich noch Galgenfrist. Ich
sitze in einem kleinen Zimmerchen neben dem Pausenraum und schnippele
Stunde um Stunde kleine Fleischstückchen aus einem Eimer von Proben, den
regelmäßig eine blutige Hand aus der Schlachthalle nachfüllt.
Jedes Stückchen – ein Tier.
Das Ganze wird dann portionsweise zerhäckselt, mit Salzsäure angesetzt
und gekocht, für die Trichinenuntersuchung. Die Dame zeigt mir alles. Man
findet nie Trichinen, aber es ist Vorschrift.
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Am nächsten Tag werde ich dann selbst zu einem Teil
der gigantischen Zerstückelungsmaschinerie. Eine rasche Einweisung –
"Hier, den Rest des Rachenringes entfernen und die
Mandibularlymphknoten anschneiden. Manchmal hängt noch ein Hornschuh an
den Klauen, den dann abmachen."–, und ich schneide drauflos, es
muss schnell gehen, das Band läuft weiter, immer weiter. Über mir werden
andere Teile des Kadavers entfernt. Arbeitet der Kollege zu schwungvoll,
oder staut sich in der Rinne von mir zuviel blutiger Sud, spritzt mir der
Brei bis ins Gesicht. Ich versuche, zur anderen Seite auszuweichen, doch
da werden mit einer riesigen, wassersprühenden Säge die Schweine
zerteilt; unmöglich kann man hier stehen, ohne nass bis auf die Knochen
zu werden. Mit zusammen gebissenen Zähnen säbele ich weiter, noch muss
ich mich zu sehr eilen, um über all das Grauen nachdenken zu können, und
außerdem höllisch aufpassen, mir nicht in die Finger zu schneiden.
Gleich am nächsten Tag leihe ich mir von einer
Kommilitonin, die das Ganze schon hinter sich hat, einen Kettenhandschuh.
Und höre auf, die Schweine zu zählen, die triefend an mir vorübergleiten.
Auch Gummihandschuhe verwende ich nicht länger. Zwar ist es grässlich,
mit bloßen Händen in den warmen Leichen herumzuwühlen, doch da man sich
zwangsläufig bis an die Schultern beschmiert, läuft das klebrige Gemisch
der Körperflüssigkeiten ohnehin in die Handschuhe hinein, so dass man
sie sich auch sparen kann. Wozu drehen sie noch
Horrorfilme, wenn es das hier gibt?
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Bald ist das Messer stumpf. "Geben Sie her –
ich schleif Ihnen das mal!" Der nette Opa, in Wahrheit ein
altgedienter Fleischbeschauer, zwinkert mir zu. Nachdem er das geschärfte
Messer zurückgebracht hat, schwätzt er ein bisschen herum, erzählt mir
einen Witz und geht wieder an die Arbeit. Er nimmt mich auch künftig ein
bisschen unter seine Fittiche und zeigt mir manchen kleinen Trick, der die
Fliessbandarbeit erleichtert. "Gell? Ihnen gefällt das hier alles
nicht. Sehe ich doch. Aber da muss man nun mal durch." Ich kann ihn
nicht unsympathisch finden, er gibt sich große Mühe, mich etwas
aufzuheitern. Auch die meisten anderen sind sehr bemüht zu helfen; sicher
machen sie sich lustig über die vielen Praktikanten, die hier kommen und
gehen, die erst schockiert, dann mit zusammen gebissenen Zähnen ihre Zeit
ableisten. Aber sie tun es gutmütig, Schikanen gibt es nicht. Es gibt mir
zu denken, dass ich – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – die
hier arbeitenden Leute gar nicht als Unmenschen empfinden kann, sie sind
nur abgestumpft, wie auch ich selbst mit der Zeit. Das ist Selbstschutz.
Man kann es sonst nicht ertragen.
Nein,
die
wahren Unmenschen sind all jene,
die diesen Massenmord tagtäglich in
Auftrag geben,
die durch ihre Gier nach Fleisch Tiere zu einem
erbärmlichen Dasein und einem noch erbärmlicheren Ende – und andere
Menschen zu einer entwürdigenden und verrohenden Arbeit zwingen.
Langsam werde ich zu einem kleinen Rädchen in
dieser ungeheuren Automatik des Todes. Irgendwann im Verlauf der nicht
enden wollenden Stunden werden die eintönigen Handgriffe mechanisch, und
mühsam. Fast erstickt durch die ohrenbetäubende Kakophonie und Allgegenwärtigkeit
unbeschreiblichen Grauens, gräbt sich der Verstand aus den Tiefen betäubter
Sinne empor und fängt wieder an zu funktionieren. Differenziert, ordnet,
versucht zu begreifen. Aber das ist unmöglich.
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Als ich zum ersten Mal bewusst erfasse – am zweiten oder dritten Tag –
dass ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine noch zucken und mit
dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen.
"Sie – sie zucken noch...", sage ich, obwohl ich ja weiß,
dass es nur die Nerven sind, zu einem vorübergehenden Veterinär. Der
grinst: "Verflixt, da hat einer ‘nen Fehler gemacht – das ist
noch nicht richtig tot!" Gespenstischer Puls durchzittert die Tierhälften,
überall. Ein Horrorkabinett. Mich
friert bis ins Mark.
Wieder daheim lege ich mich aufs Bett und starre an
die Decke. Stunde für Stunde. Jeden Tag. Meine nächste Umgebung reagiert
gereizt. "Guck nicht so unfreundlich. Lächle mal. Du wolltest doch
unbedingt Tierarzt werden." Tierarzt. Nicht Tierschlächter. Ich
halte es nicht aus. Diese Kommentare.
Diese Gleichgültigkeit.
Diese Selbstverständlichkeit des Mordens.
Ich möchte, ich muss sprechen, es mir von der Seele reden. Ich ersticke
daran. Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen
konnte, mit gegrätschen Hinterbeinen dasaß. Das sie so lange traten und
schlugen, bis sie es in die Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das ich
mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte: beidseitiger
Muskelabriss an den Innenschenkeln. Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie
vergesse ich diese Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen,
von den sanften braunen Augen, die so voller
Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen
und Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum
Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick auf die Halle, wo die
Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden, – dann der tödliche
Schuss, im nächsten Moment schon die Kette am Hinterfuß, die das
ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe zieht, während unten
bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und immer noch, kopflos, Ströme von
Blut ausspeiend, bäumt der Leib sich auf, treten die Beine um sich... Erzählen
von dem grässlich-schmatzenden Geräusch, wenn eine Winde die Haut vom Körper
reißt, von der automatisierten Rollbewegung der Finger, mit der die
Abdecker die Augäpfel – die verdrehten, rotgeäderten, hervorquellenden
– aus den Augenhöhlen klauben und in ein Loch im Boden werfen, in dem
der "Abfall" verschwindet. Von der verschmierten
Aluminiumrutsche, auf der alle Innereien landen, die aus dem riesigen geköpften
Kadaver gerissen werden, und die dann, bis auf Leber, Herz, Lungen und
Zunge – zum Verzehr geeignet – in einer Art Müllschlucker
verschwinden.
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Erzählen möchte ich, dass immer wieder inmitten
dieses schleimigen, blutigen Berges ein trächtiger Uterus zu finden ist,
dass ich kleine, schon ganz fertig aussehende Kälbchen
in allen Größen gesehen habe, zart und nackt und mit geschlossenen Augen
in ihren schützenden Fruchtblasen, die sie nicht zu schützen vermochten,
– das kleinste so winzig wie ein neugeborenes Kätzchen und doch eine
richtige Miniatur-Kuh, das größte weich behaart, braunweiß und mit
langen seidigen Wimpern, nur wenige Wochen vor der Geburt. "Ist es
nicht ein Wunder, was die Natur so erschafft?" meint der Veterinär,
der an diesem Tag Dienst hat, und schiebt Uterus samt Fötus in den
gurgelnden Müllschlucker. Und ich weiß nun ganz sicher, dass es keinen
Gott geben kann, denn kein Blitz fährt vom Himmel hernieder, diesen
Frevel zu rächen, der seinen Fortgang nimmt, wieder und wieder.
Auch für die erbärmlich magere Kuh, die, als ich
morgens um sieben komme, krampfhaft zuckend im eisigen, zugigen Gang liegt
kurz vor der Tötungsbox, gibt es keinen Gott und niemanden, der sich
ihrer erbarmt in Form eines schnellen Schusses. Erst müssen die übrigen
Schlachttiere abgefertigt werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer
noch und zuckt, niemand, trotz mehrfacher Aufforderung, hat sie erlöst.
Ich habe das Halfter, das unbarmherzig scharf in ihr Fleisch schnitt,
gelockert und ihre Stirn gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren
riesiggroßen Augen, und ich erlebe nun selbst, dass
Kühe weinen können.
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Meine Hände, Kittel, Schürze und Stiefel sind
besudelt vom Blute ihrer Artgenossen, stundenlang habe ich unter dem Band
gestanden, Herzen und Lungen und Lebern aufgeschnitten, – "Bei den
Rindern saut man sich immer total ein", bin ich bereits gewarnt
worden.
Das ist es, wovon ich berichten möchte, um es nicht
allein tragen zu müssen, – aber im Grunde will es keiner hören. Nicht,
dass ich während dieser Zeit nicht oft genug befragt werde. "Wie ist
es denn so im Schlachthof? Also, ich könnte das ja nicht!" Ich grabe
mir mit den Fingernägeln scharfe Halbmonde in die Handflächen, um nicht
in diese mitleidigen Gesichter zu schlagen, oder um nicht den Telefonhörer
aus dem Fenster zu werfen, – schreien möchte ich, aber längst hat all
das, was ich tagtäglich mitansehe, jeden Schrei in der Kehle erstickt.
Keiner hat gefragt, ob ich es kann. Reaktionen auf noch so karge Antworten
verraten Unbehagen ob des Themas. "Ja, das ist ganz schrecklich, und
wir essen auch nur noch selten Fleisch." Oft werde ich angespornt:
"Beiß die Zähne zusammen, du musst da durch, und bald hast du es ja
hinter dir!" Für mich eine der schlimmsten, herzlosesten und
ignorantesten Äußerungen, denn das Massaker
geht weiter, Tag für Tag. Ich glaube, niemand hat begriffen,
dass mein Problem weniger darin bestand, diese sechs Wochen zu überleben,
sondern dass dieser ungeheure Massenmord
geschieht, millionenfach, – für jeden
geschieht, der Fleisch isst. Besonders jene Fleischesser, die
von sich behaupten, Tierfreunde zu sein, werden für mich nun vollends
unglaubwürdig.
"Hör auf – verdirb mir nicht den
Appetit!" Auch damit bin ich mehr als einmal rigoros abgewürgt
worden, gefolgt von der Steigerung: "Du bist ein Terrorist! Jeder
normale Mensch lacht dich doch aus!" Wie allein man sich in solchen
Augenblicken vorkommt. Ab und zu sehe ich mir den kleinen Rinderfötus an,
den ich mit heimgenommen und in Formalin eingelegt habe. Memento mori.
Lass sie lachen, die "normalen Menschen".
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Die Dinge abstrahieren sich, wenn man von soviel
gewaltsamen Tod umgeben ist; das eigene Leben erscheint unendlich
bedeutungslos. Irgendwann blickt man auf die anonymen Reihen zerstückelter
Schweine, die mäanderförmig durch die Halle ziehen, und fragt sich: Wäre
es anders, wenn hier Menschen hingen? Insbesondere die rückwärtige
Anatomie der Schlachttiere, dick und pickelig und rotgefleckt, erinnert
verblüffend an das, was an sonnigen Urlaubsstränden fettig unter engen
Badehosen hervorquillt. Auch die nicht enden
wollenden Schreie, die aus der Tötungshalle herübergellen,
wenn die Schweine den Tod spüren, könnten von Frauen oder Kindern
stammen. Abstumpfung bleibt nicht aus. Irgendwann denke ich nur noch, aufhören,
es soll aufhören, hoffentlich macht er schnell mit den Elektrozangen,
damit es endlich aufhört. "Viele geben keinen Ton vor sich",
hat einer der Veterinäre einmal gesagt, "andere stehen eben da und
schreien völlig grundlos."
Ich sehe mir auch das an, – wie sie dastehen und
"völlig grundlos" schreien. Mehr als die Hälfte des Praktikums
ist vorüber, als ich endlich in die Tötungshalle gehe, um sagen zu können:
"Ich habe gesehen." Hier schließt sich der Weg, der vorn an der
Laderampe beginnt. Der kahle Gang, in den alle Pferche münden, verjüngt
sich und führt eine Tür in einen kleinen Wartepferch für jeweils vier
oder fünf Schweine. Sollte ich je den Begriff ‚Angst’ bildlich
darstellen, ich würde die Schweine zeichnen, die sich hier gegen die
hinter ihnen geschlossene Tür zusammendrängen, ich würde ihre Augen
zeichnen. Augen, die ich niemals mehr vergessen
kann. Augen, in die jeder sehen sollte, den es nach Fleisch verlangt.
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Mit Hilfe eines Gummischlauches werden die Schweine separiert. Eines wird
nach vorn in einen Stand getrieben, der es von allen Seiten umschließt.
Es schreit, versucht nach hinten auszubrechen, und häufig hat der Treiber
alle Hände voll zu tun, ehe er endlich mit einem elektrischen Schieber
den Stand schließen kann. Ein Knopfdruck, der Boden des Standes wird
durch eine Art fahrbaren Schlitten ersetzt, auf dem sich das Schwein
rittlings wiederfindet, ein zweiter Schieber vor ihm öffnet sich, und der
Schlitten mit dem Tier gleitet hinüber in eine weitere Box. Der
danebenstehende Grobschlächter – ich habe ihn insgeheim immer
‚Frankenstein’ genannt – setzt die Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung,
wie der Direktor mir einst erklärt hat. Man sieht das Schwein sich in der
Box aufbäumen, dann klappt der Schlitten weg, und das zuckende Tier schlägt
auf einer blutüberströmten Rutsche auf und zappelt mit den Beinen. Auch
hier wartet ein Grobschlächter, zielsicher trifft das Messer unter dem
rechten Vorderbein, ein Schwall dunklen Blutes schießt
hervor, und der Körper
rutscht weiter. Sekunden später hat sich bereits eine Eisenkette um ein
Hinterbein geschlossen und das Tier emporgezogen, und der Grobschlächter
legt das Messer ab, greift nach einer verschmierten Cola-Flasche, die auf
dem zentimeterdick mit geronnenem Blut bedeckten Boden steht, und
genehmigt sich einen Schluck.
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Ich folge den am Haken baumelnden, ausblutenden
Kadavern in die "Hölle". So habe ich den nächsten Raum
genannt. Er ist hoch und schwarz, voll von Russ, Gestank und Feuer. Nach
einigen bluttriefenden Kurven erreicht die Schweinereihe eine Art riesigen
Ofen. Hier wird entborstet. Von oben fallen die Tiere in einen
Auffangtrichter und gleiten in das Innere der Maschine. Man kann
hineinsehen. Feuer flammt auf, und mehrere Sekunden lang werden die Körper
herumgeschüttelt und scheinen einen grotesken Springtanz aufzuführen.
Dann klatschen sie auf der anderen Seite auf einen großen Tisch, werden
sofort von zwei Grobschlächtern ergriffen, die noch verbliebene Borsten
herunterkratzen, die Augäpfel herausreißen und die Hornschuhe von den
Klauen trennen. Einen Moment nur dauert dies alles, hier wird im Akkord
gearbeitet. Haken durch die Sehnen der Hinterläufe, schon hängen die
toten Tiere wieder und gleiten nun zu einem stählernen Rahmen, der wie
ein Flammenwerfer konzipiert ist: Ein bellendes Geräusch, und der Tierkörper
wird von einem Dutzend Stichflammen eingehüllt und einige Sekunden lang
abgeflammt. Das Fließband setzt sich wieder in Bewegung, führt in die nächste
Halle, – jene, wo ich schon drei Wochen lang gestanden habe. Die Organe
werden entnommen und auf dem oberen Fließband bearbeitet: Zunge
durchtasten, Mandeln und Speiseröhre abtrennen und fortwerfen,
Lymphknoten anschneiden, Lunge zum Abfall, Luftröhre und Herz eröffnen,
Trichinenprobe entnehmen, Gallenblase entfernen und Leber auf Wurmknoten
untersuchen. Viele Schweine sind verwurmt, ihre Lebern sind von Wurmknoten
durchsetzt und müssen weggeworfen werden. Alle übrigen Organe wie Magen,
Darm und Geschlechtsapparat landen im Abfall. Am unteren Fließband wird
der Restkörper gebrauchsfertig gemacht: zerteilt, Gelenke angeschnitten,
After, Nieren und Flomen entfernt, Gehirn und Rückenmark abgesaugt etc.,
dann Stempel auf Schulter, Nacken, Lende, Bauch und Keule aufgebracht,
gewogen und in die Kühlhalle befördert. Nicht zum Verzehr geeignete
Tiere werden "vorläufig beschlagnahmt". Das Stempeln ist für
den ungeübten Schweißarbeit, die lauwarmen, glitschigen Kadaver hängen
zum Schluss des Bandes hin sehr hoch, und will man nicht von ihnen
erschlagen werden, muss man sich beeilen, denn vor der Waage klatschen die
Hälften mit viel Wucht aufeinander.
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Wie
oft mein Blick in all diesen Tagen zur Uhr schweift, die im Pausenraum hängt,
vermag ich nicht zu sagen. Ganz gewiss geht keine Uhr auf der ganzen Welt
langsamer als diese. Jeden Vormittag ist zur Halbzeit eine Pause erlaubt,
aufatmend eile ich in den Waschraum, reinige mich notdürftig von Blut und
Fleischfetzen; mir ist, als ob diese Besudelung und der Geruch für immer
an mir haften. Hinaus, nur hinaus. Ich habe in diesem Haus nie auch nur
einen Bissen essen können. Entweder verbringe ich die Pause, so kalt es
auch sein mag, draußen, laufe bis an den Stacheldrahtzaun vor und starre
hinüber auf die Felder und den Waldrand, beobachte die Krähen. Oder ich
gehe zum jenseits der Straße gelegenen Einkaufszentrum, dort ist eine
kleine Bäckerei, wo man sich bei einer Tasse Kaffee aufwärmen kann.
Zwanzig Minuten später zurück ans Band.
Feisch essen ist ein Verbrechen.
Kein
Fleischesser kann je wieder mein Freund sein. Niemals. Niemals wieder.
Jeden, denke ich, jeden der Fleisch isst, sollte man hier durchschicken,
jeder müsste es sehen,
von Anfang bis Ende.
Ich stehe hier nicht, weil ich Tierarzt werden will,
sondern weil Menschen meinen, Fleisch essen zu müssen. Und nicht nur das
allein: Auch, weil sie feige sind. Das steril verschweißte Schnitzel im
Supermarkt hat keine Augen mehr, die überquellen vor nackter Todesangst,
es schreit nicht mehr. Das alles ersparen sie sich, all jene, die sich von
geschändeten Leichen nähren: "Also, ich könnte das nicht!"
Dann, eines Tages, kommt ein Bauer und bringt Fleischproben zur
Trichinenuntersuchung. Sein kleiner Bub begleitet ihn, zehn oder elf Jahre
alt vielleicht. Ich sehe, wie das Kind seine Nase an der Scheibe plattdrückt,
und denke: Wenn die Kinder es sähen, all dieses Grauen, all die
ermordeten Tiere, gäbe es da nicht noch Hoffnung? Ich kann genau hören,
wie der Bub nach seinem Vater ruft. "Papi, schau mal! Geil! Diese große
Säge da."
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Am Abend, im Fernsehen, berichtet
"Aktenzeichen XY ungelöst" von dem Verbrechen an einem jungen Mädchen,
das ermordet und zerstückelt wurde, und vom namenlosen Entsetzen und
Abscheu der Bevölkerung auf diese Greueltat. "So etwas ähnliches
habe ich diese Woche 3.700mal mitangesehen", werfe ich ein. Nun bin
ich nicht mehr nur ein Terrorist, sondern obendrein krank im Kopf. Weil
ich Entsetzen und Abscheu nicht nur wegen eines Menschenmordes empfinde,
sondern auch wegen des tausendfach mit Füßen getretenen Mordes an
Tieren: 3.700 mal nur in dieser einen Woche, nur in diesem einen
Schlachthof.
Mensch sein – heißt das
nicht, nein zu sagen und sich zu weigern,
Auftraggeber eines Massenmordes
zu sein – für ein Stück Fleisch?
Sonderbare neue Welt.
Vielleicht hatten die winzigen, dem Mutterleib entrissenen Kälbchen, die
starben, bevor sie geboren wurden, das beste Los von uns allen.
Irgendwann ist der letzte all dieser nicht enden
wollenden Tage gekommen. Irgendwann halte ich die Praktikumsbestätigung
in Händen, einen Papierwisch, teurer bezahlt, als ich je für irgend
etwas bezahlt habe. Die Tür schließt sich, eine zaghafte Novembersonne
geleitet mich über den kahlen Hof zum Bus. Schreie und Maschinenlärm
werden leiser. Als ich die Straße überquere, biegt ein großer
Viehtransporter mit Anhänger in die Zufahrt zum Schlachthof ein. Schweine
auf zwei Etagen, dichtgedrängt.
Ich gehe ohne einen Blick zurück, denn ich habe
Zeugnis abgelegt, und jetzt will ich versuchen zu vergessen, um
weiterleben zu können. Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie in jenem
Haus die Kraft dazu genommen, den Willen, die Lebensfreude, und sie gegen
Schuld und lähmende Traurigkeit getauscht.
Die Hölle ist unter uns,
vieltausendfach, Tag für Tag.
Eines aber bleibt
immer, jedem von uns: Nein zu sagen.
Nein, nein
und abermals nein!
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